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Wir geben Antworten auf häufig gestellte Fragen von Eltern und PädagogInnen. Linguamulti bietet hilfreiche Antworten und Erklärungen. Ausführlich werden die Fragen in den Workshops behandelt.

Wie man Kinder zu Hause sprachlich am besten fördert?

Mag.a Zwetelina Ortega

30. Mai 2020

 

Für viele Eltern bilingualer und mehrsprachiger Kinder haben die letzten Wochen neue Fragen aufgeworfen

Schule und Kindergarten sind seit einigen Wochen anders. Die Kinder besuchen die Bildungseinrichtungen gar nicht oder in einem reduzierten Ausmaß. Und bis zum Sommer wird sich dies nicht ändern. Wie können Eltern, die mit ihren Kindern in einer anderen Sprache als Deutsch kommunizieren, trotzdem dafür sorgen, dass diese sich auf Deutsch sprachlich gut weiterentwickeln?

 

Gemeinsames Lesen und Hören

Lesen Sie mit Ihrem Kind viel auf Deutsch. Wählen Sie ein Buch aus, dass Ihr Kind mag und spannend oder lustig findet. Danach können Sie über das Gehörte sprechen. Das Gespräch selbst muss nicht auf Deutsch stattfinden, trotzdem hilft es Ihrem Kind, das Gehörte zu verarbeiten und zu festigen.

 

Lesen Sie auch dann vor, wenn Ihr Kind bereits selbst lesen kann, es macht trotzdem eine wichtige Erfahrung, die zudem Geborgenheit und schöne Momente schafft. Außerdem hat die Schriftsprache einen reicheren Wortschatz und anspruchsvollere Formulierungen und bietet mithin viele neue sprachliche Elemente, die unsere Alltagssprache für gewöhnlich nicht abdeckt. Schließlich sprechen wir nicht so, wie wir schreiben.

 

Wenn Ihr Kind bereits lesen kann, können Sie Zeit einplanen, in denen Ihr Kind Ihnen auf Deutsch vorliest. Dies sollte aber nicht vor dem Einschlafen geschehen, denn Vorlesen ist für viele Grundschülerinnen und Grundschüler eine anstrengende Aktivität, die viel Konzentration und Energie erfordert. Das sollte man entsprechend nicht am Ende des Tages tun, wenn die Kinder müde sind.

Wenn Sie mit dieser Aktivität Freude an der deutschen Sprache und am Lesen fördern möchten, sollte sie nicht in einem Abprüfen und Korrigieren enden, sondern in einem entspannten Rollentausch. Sie schlüpfen in die Rolle der aufmerksamen Zuhörerin oder des Zuhörers des Märchens und plaudern nachher darüber. Natürlich können Sie Ihrem Kind beim Vorlesen helfen, aber ohne ihm das Gefühl zu geben, es dürfe keine Fehler machen. Fehler gehören dazu.

Im Internet finden sich außerdem viele Podcasts zu gut vorgetragenen, kindergerechten Inhalten. Am besten ist es, wenn Sie diese Aktivität gemeinsam mit Ihrem Kind durchführen.

 

Mit dem Kind kommunizieren

Eine bewährte Form der Umsetzung familiärer Mehrsprachigkeit ist das Prinzip "Eine Sprache – eine Person". Dieses ist sinnvoll, weil Kinder die Sprachen in ihrem Leben mit den Menschen verbinden, mit denen sie sie anwenden. Aber Ausnahmesituationen könne Ausnahmen in vielen Bereichen erfordern. So auch, dass man von diesem Prinzip abweichen darf oder auch muss.

 

Ist Deutsch eine Ihrer Erstsprachen? Vielleicht Ihre Zweitsprache? Oder haben Sie nahezu Muttersprachenniveau auf Deutsch? Dann können Sie Einheiten planen, die Sie mit Ihrem Kind auf Deutsch durchführen. Zum Beispiel, wenn Sie gemeinsam für die Schule lernen, oder wenn Sie basteln, oder auch, wenn Sie zu einem bestimmten Thema zusammen Neues entdecken.

 

Man kann auch Ausnahmen von dem Konzept "Eine Sprache – eine Person" einführen, die sich regelmäßig wiederholen und auf diese Art für das Kind nachvollziehbar sind. Den Rest der Zeit sprechen und spielen Sie miteinander in der Sprache, in der auch Sie sonst miteinander kommunizieren. Verzichten Sie jedoch auf solche Ausnahmen, wenn Ihr Deutsch nicht auf gutem Niveau ist. Ein fehlerhafter Input in Deutsch ist für Ihr Kind nicht hilfreich.

 

Die gelegentliche Kommunikation in Deutsch ist sinnvoll, weil Ihr Kind die Sprache dabei aktiv anwendet und in ihr interagiert. Ein Deutsch-Input ausschließlich auf Basis von Medien wie Hörbüchern, Videos oder dergleichen bleibt ein rein passiver.

Videos und Co

 

Kinder sind besonders aufmerksam, wenn es zum Gesprochenen auch ein bewegtes Bild gibt. Und in den letzten Wochen, in denen die meisten Kinder viel Zeit zu Hause verbracht haben, sind wir Eltern dankbar, dass es zahlreiche Online-Angebote gibt. Aber fördern sie auch den Spracherwerb? Vor allem: Können sie Ihrem Kind in seiner Deutschentwicklung helfen?

 

Jüngere Kinder sollten nicht zu lange vor dem Bildschirm verweilen. Unter Zweijährige sollten gar keine Zeit vor dem Bildschirm verbringen, das ist die allgemeine Empfehlung von Expertinnen und Experten auf diesem Gebiet. Erst ab einem Alter mit schon fortgeschrittener kognitiver Reifung können Kinder von Videos und Filmen sprachlich profitieren. Eine kürzlich vorgelegte Studie hat dazu herausgefunden, dass die Anwendung von Apps und Online-Aktivitäten für die Kleinen dann zielführend ist, wenn Erwachsene das Kind dabei begleiten.

 

Im Internet finden sich auch live Online-Aktivitäten wie gemeinsames Basteln, Turnen, Tanzen und vieles mehr. Diese Art der Bildschirmzeit ist aktiver, und es kommt immerhin zu einem gewissen Austausch, von dem Ihr Kind auch sprachlich profitieren kann. Zudem ist es sinnvoll beschäftigt.

 

Eine Chance für die Mehrsprachigkeit

Durch den eingeschränkten Kontakt zur gewohnten Bildungseinrichtung erhält Ihr Kind weniger deutschen Sprach-Input, aber dafür mehr Sprach-Input in der Sprache oder den Sprachen, die zu Hause gesprochen werden. Das ist eine wunderbare Chance. Ihr Kind profitiert davon und erwirbt seine Familiensprache intensiver, wird darin gestärkt und macht in ihr wahrscheinlich viele neue Erfahrungen, da es mehr Zeit mit Ihnen verbringt.

Betrachten Sie diese Möglichkeit nicht nur als eine Förderung der Familiensprache, sondern als allgemeine Stärkung der Sprachentwicklung. Damit sich ein Kind gut in seinen Sprachen entfalten kann, braucht es vor allem eine große Welt voller spannender und herausfordernder Inhalte. Kinder entdecken die Welt und verbinden ihre gemachten Erfahrungen mit dem sprachlichen Input, den sie dazu erhalten. Über ihn entwickeln sie sprachgestützte Konzepte in Form von Ideen, Bildern und Erfahrungen, mit denen sie sich die Welt erklären.

 

Diese Konzepte verinnerlicht das Gehirn auf einer einzelsprachübergreifenden Ebene. Kurz gesagt, wenn Ihr Kind viel erlebt und viel Neues lernt, und das in einer anderen Sprache als Deutsch, so ist es auch in der Lage, es zu einem späteren Zeitpunkt auf Deutsch wiederzugeben.

 

Noch wichtiger sind jene sprachlich-konzeptuellen Fähigkeiten, die es Ihrem Kind ermöglichen kognitiv, emotional und sozial zu wachsen. Dieses Phänomen führt beispielsweise der Wissenschaftler Jim Cummins näher aus. Sprachen beflügeln sich gegenseitig in ihrem Wachstum. Und Sie werden beobachten, wie rasch das Deutsche mit den anderen Sprachen mitziehen wird – schließlich ist Deutsch die Umgebungssprache Ihres Kindes.

 

Entdecken und lernen Sie also gemeinsam Neues zu den Themen, die Sie und Ihr Kind begeistern. Egal ob es dabei um Pflanzen, Rennautos, Weltall, Malerei, Fußball, fremde Länder, interessante Persönlichkeiten oder Dinosaurier geht – Ihr Kind wird auch sprachlich davon profitieren.

 

 

Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschafterin, Autorin und Expertin für Mehrsprachigkeit. In ihrem Beratungszentrum Linguamulti bietet sie Beratung und Workshops für mehrsprachige Erziehung an. Sie ist Gründerin der LIMU-Academy, in der Deutschkurse für Kinder von zwei bis sechs Jahren stattfinden. Ortega ist mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen verfasst sie auch ihre literarischen Texte. 2012 erschien der Gedichtband "Aз und tú" (Edition Yara). Sie lehrt an der Universität Wien und leitet Fortbildungen unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Wien, am Landesinstitut für Schule in Bremen und für das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern.

Kontakt

Mag. Zwetelina Ortega

z.ortega[at]linguamulti.at

+43 6769669775

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