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Sie wollen sich vorab über mehrsprachige Erziehung informieren?

 

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Hier finden Sie auch Porträts von Menschen, die Mehrsprachigkeit besonders fördern!

Wir geben Antworten auf häufig gestellte Fragen von Eltern und PädagogInnen. Linguamulti bietet hilfreiche Antworten und Erklärungen. Ausführlich werden die Fragen in den Workshops behandelt.

Dos and Don'ts in der mehrsprachigen Erziehung

Mag.a Zwetelina Ortega

21. Februar 2022

 

Geduldig und konsequent sein, aber keinen Druck aufbauen oder Perfektion erwarten – was man als Eltern beachten sollte! Die Sprachwissenschafterin Zwetelina Ortega gibt im Gastblog Tipps, wie man Mehrsprachigkeit fördern kann.

Der 21. Februar ist der internationale Tag der Muttersprache. Zu dem Anlass stelle ich in diesem Blogbeitrag Evidenz und Methoden vor, die Eltern in der mehrsprachigen Erziehung ihrer Kinder unterstützen können. Sei es, weil zu Hause zwei oder mehr Sprachen gesprochen werden, die ganze Familie in ein neues Sprachumfeld gewechselt ist oder die Familie in einer bilingualen Region lebt.

 

Wenn Sie sich als Eltern auf das Abenteuer mehrsprachiger Erziehung einlassen wollen, können die folgenden fünf Tipps hilfreich sein:


1. Geduld

Mit der mehrsprachigen Erziehung lassen Sie sich auf ein Langzeitprojekt ein, das viel Geduld und Beständigkeit von Kind und Eltern erfordert, damit sich Sprachen gut entwickeln können. Denn mehrsprachige Erziehung verlangt, dass Sie Ihr Kind sprachlich über viele Jahre fördern, begleiten und dafür sorgen, dass es immer wieder neue Impulse zum Erhalt und Ausbau seiner Mehrsprachigkeit erhält. Wenn Ihr Kind eine der Sprachen eine Zeitlang nicht spricht oder explizit verweigert, dann darf man nicht aufgeben, sondern muss die Sprache geduldig weiterverwenden. Geduld ist eben auch bei Schwierigkeiten wichtig.

 

2. Freude

Freude an den Sprachen und an Kommunikation zu vermitteln ist eines der wichtigsten Erfolgsrezepte für gelingende mehrsprachige Erziehung. Kinder wollen mit Sprache Dinge bewirken. Achten Sie darauf, dass die Sprachen im Leben Ihres Kinds auf natürliche Weise integriert werden. Eine Methode, die sich bewährt hat, ist es, die Sprachen nach Situationen aufzuteilen: zum Beispiel Umgebungssprache beziehungsweise Schulsprache versus Familiensprache oder Sprachgebrauch in Funktion des Gesprächspartners, also zum Beispiel bei verschiedensprachigen Eltern, die eine Sprache mit der Mutter und die andere mit dem Vater. Wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, dass Kinder auf diese Weise die Sprachen am besten erwerben.

 

3. Konsequenz

Wenn Sie sich für einen bestimmten Weg familiärer mehrsprachiger Erziehung entschieden haben, bleiben Sie dabei. So kann sich Ihr Kind gut in den unterschiedlichen Sprachsystemen zurechtfinden und wird nach und nach die Sprachen je nach Situation, Kontext und Gesprächspartner anwenden und trennen können und zugleich die zu Beginn seiner mehrsprachigen Entwicklung bisweilen anzutreffende Sprachmischungen rasch abbauen können.

 

Wichtig ist, dass der Kontakt zu den verschiedenen Sprachen auch später, wenn das Kind älter wird, nicht abreißt. Denn bricht der Sprachkontakt ab oder werden die Sprachen immer weniger verwendet, kann es sein, dass sie im mentalen Sprachspeicher des Kindes verloren gehen. Andererseits wird Ihr Kind bei konsequenter Förderung eines Tages ein muttersprachliches Niveau erreichen und vielleicht als Erwachsener vielfältigen persönlichen und beruflichen Nutzen daraus ziehen können.

 

4. Sprache ist mehr als Sprechen

Sprache ist so viel mehr als Grammatik und Wortschatz. Sie bietet Zugang zu reichhaltigem Wissen über Kulturen, Gesellschaften, deren Werte und Geschichte. Damit Ihr Kind sich dieses Wissen aneignet, braucht es Kontakt zu der Kultur, in die die Sprache eingebettet ist. Die Art des Zusammenlebens der Menschen, ihre Gepflogenheiten, ihre Sitten und Gebräuche, ihre Traditionen, ihre Kunst fließen in die Sprache ein. Bieten Sie diese Kontakte an. So können kulturelles Wissen und Erfahrungen mit dem sprachlichen Erwerb mitwachsen. Denn was Muttersprachler unter anderem ausmacht, ist die Kenntnis des soziokulturellen Kontextes von Sprache, die im Fremdsprachenunterricht bekanntermaßen schwer zu vermitteln ist.

 

5. Wahrnehmen

Wir loben unsere Kinder, wenn sie ein Puzzle zusammengestellt haben, wenn sie einen besonders hohen Turm mit den Klötzen gebaut haben. Sprachliche Entwicklung ist etwas so Selbstverständliches, dass sie fast nebenher passiert. Wenn Ihr Kind mit zwei oder sogar drei Sprachen groß wird, passiert es aber nicht mehr nebenher. Es ist ein erheblicher kognitiver Aufwand für Ihr Kind, sich in eine mehrsprachige Umgebung zu integrieren, sich in ihr zurechtzufinden, und natürlich will es bei alldem den Eltern gerecht werden. Deshalb gehören auch kleine sprachliche Fortschritte bewusst wahrgenommen – und das sollte man dem Kind auch zeigen. Hat Ihr Kind es geschafft, ein Wort mit besonders herausfordernder Aussprache richtig zu artikulieren, oder hat es heute einen komplexeren Satz anders als noch gestern richtig konstruiert, zeigen Sie ihm, dass Sie es gut finden und wahrgenommen haben.

 

Nehmen Sie von folgenden fünf Punkten Abschied:


1. Perfektion

Sie wünschen sich vielleicht, dass Ihr Kind eines Tages zwei oder sogar drei Sprachen perfekt spricht. Perfekt ist allerdings ein relativer Begriff, wenn es um Sprachkompetenz geht. Mehrsprachige Menschen haben fast immer eine stärkere und eine schwächere Sprache. Das bedeutet, in der stärkeren Sprache sind sie wortgewandter und fühlen sich sicherer. In der schwächeren gibt es zum Beispiel oft Lücken im Wortschatz. Das ist etwas ganz Natürliches, denn Ihr Kind passt sich in seiner sprachlichen Entwicklung der Umgebung an. Was es in der Schulsprache gelernt hat, fehlt vielleicht in der Familiensprache. Die schwächere Sprache kann allerdings die stärkere ablösen, sie können sozusagen die Plätze tauschen. Das kommt ganz auf die Lebenssituation und die individuelle Motivation Ihres Kindes an. Was Sie auf jeden Fall mitgeben sollten, ist eine solide Basis, die es eines Tages selbst weiter ausbauen kann.

 

2. Druck

Damit das Aufblühen der Sprachen gelingen kann, sollten Sie auf Druck bei der Sprachvermittlung verzichten. Natürlich wollen Sie Ihr Kind anspornen, aber wenn Sie Druck säen, werden Sie irgendwann Ablehnung ernten. Kinder sollte man motivieren, eine Sprache zu sprechen, und niemals dazu zwingen.

 

3. Von alleine

Hartnäckig hält sich das positive Vorurteil, mehrsprachigen Kindern würden die Sprachen in den Schoß fallen. Leider ist es nur selten so einfach. Es stimmt natürlich, dass man als Kind eine Sprache viel schneller erwirbt als im Erwachsenenalter, es stimmt auch, dass, wenn man mit mehreren Sprachen aufwächst, man diese auf einem viel höheren Niveau erwerben kann, als wenn man sie im Fremdsprachenkurs lernt. Aber damit der Erwerb mehrerer Sprachen simultan gelingt, braucht Ihr Kind Ihre Unterstützung Tag für Tag – mit vielseitigen Angeboten wie Bilderbüchern, aufmerksamem Austausch mit Ihnen, Hörspielen und vielem mehr.

 

4. Ratschläge

In Fragen der Kinderziehung sind plötzlich alle Experten. Sie bekommen ungewollt Ratschläge zur Pflege und Ernährung, aber auch vor der Frage der mehrsprachigen Erziehung des eigenen Kindes wird nicht haltgemacht. Das kann sehr verunsichernd wirken, vor allem wenn Sie am Anfang Ihrer Entscheidung stehen oder wenn die Ratschläge auf fragwürdigen Vorurteilen aufbauen. Bitte, bleiben Sie Ihrem Weg treu. Lassen Sie sich nicht verunsichern. Wissenschaftliche Untersuchungen arbeiten klar heraus, dass Kinder durch die Mehrsprachigkeit nur Vorteile haben. Und ich kenne keinen Mehrsprachigen, der es bereut hat, so aufgewachsen zu sein. Dagegen kenne ich aber junge Erwachsene, die es bereuen, dass ihre mehrsprachigen Eltern ihre jeweilige Erstsprache nicht an sie weitergegeben haben.

 

5. Vergleichen

Jede familiäre Sprachsituation ist einzigartig und kaum mit einer anderen vergleichbar. Und auch Ihr Kind ist einzigartig. Vergleichen Sie die Erfolge, Misserfolge oder fehlenden Entwicklungsschritte nicht mit denen anderer Kinder. Manche Kinder starten schon sehr früh mit dem Sprechen, andere brauchen etwas länger, wissenschaftlich gibt es keinerlei Beweis dafür, dass Mehrsprachigkeit verlangsamend wirkt. Manche Kinder brauchen einige Monate, um in einer neuen Sprache loszulegen, andere ein Jahr. Geben Sie Ihrem Kind die Zeit, die es braucht.

 

Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschafterin, Autorin und Expertin für Mehrsprachigkeit. In ihrem Beratungszentrum Linguamulti bietet sie Beratung und Workshops für mehrsprachige Erziehung an. Sie ist Gründerin der LIMU-Academy, in der Deutschkurse für Kinder von zwei bis sechs Jahren stattfinden. Ortega ist mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen verfasst sie auch ihre literarischen Texte. 2012 erschien der Gedichtband "Aз und tú" (Edition Yara). Sie lehrt an der Universität Wien und leitet Fortbildungen unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Wien, am Landesinstitut für Schule in Bremen und für das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern.

Kontakt

Mag.a Zwetelina Ortega

z.ortega@linguamulti.at

+43 6769669775

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