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Der Akzent – Fluch oder Segen

Mag.a Zwetelina Ortega

23. Jänner 2020

 

Gute Sprachkenntnisse werden häufig mit perfekter Aussprache assoziiert. Aber der Akzent ist per se kein Mangel

Gerade wenn man am Anfang des Erlernens einer Fremdsprache steht, hat man beim Sprechen noch einen starken Akzent. Ehrgeizige Lernende wollen diesen möglichst schnell ablegen. Aber ist das überhaupt möglich? Und sprechen Kinder immer akzentfrei, selbst wenn sie früh eine weitere Sprache neben ihrer Muttersprache erwerben?

 

Die Natur hat den Fremdsprachenunterricht nicht vorgesehen

Wenn jemand meint, eine Fremdsprache besonders gut zu sprechen, dann heißt es oft, er oder sie habe eine perfekte Aussprache. Neben einem reichen Wortschatz und der richtigen Anwendung der Grammatik gilt die muttersprachliche Aussprache sozusagen als Maß für ein hohes Kompetenzniveau. Aber so einfach verhält es sich mit dem Akzent natürlich nicht.

 

Unser Sprechapparat entwickelt sich von der Geburt an so, dass wir in der Lage sind, alle Laute unserer Muttersprache oder Muttersprachen richtig, das heißt in muttersprachlicher Qualität auszusprechen. Dazu kommt das Hören – das Kind ist in der Lage, die feinsten bedeutungsunterscheidenden Laute wahrzunehmen und sie im Zusammenspiel mit feinmotorischen Sprachbewegungsabläufen adäquat wiederzugeben. Das ist ein Grund dafür, warum bilinguale oder mehrsprachige Menschen in der Lage sind, in mehreren Sprachen eine muttersprachliche Kompetenz zu erreichen. Doch diese Fähigkeit geht mit dem Alter zurück. Ab der Pubertät wird es zunehmend schwerer, in einer neuen Sprache das Ausspracheniveau eines Muttersprachlers zu erreichen – man spricht mit Akzent. Das zeigt sich etwa beim Akzentuieren der Silben einzelner Worte, bei der Aussprache von komplexeren Lautkombinationen und bei der Sprachmelodie.

 

Auch Kinder brauchen Unterstützung

Obwohl sich Kinder in der Regel mit dem Erwerb des Lautsystems einer neuen Sprache leicht tun, vor allem dann, wenn die neue Sprache in ihrer Umgebung gesprochen wird, kann ihnen eine gezielte Förderung den Weg erleichtern. Denn solange sich Kinder noch im Lernprozess befinden, können auch Schwierigkeiten beim Erwerb der Aussprache der neuen Sprache auftauchen. Vor allem im Hinblick auf die schulische Laufbahn wäre eine größere Unterstützung im Erwerb der richtigen Aussprache, der Orthoepie, wünschenswert, denn sie ist mitunter die Basis für die Rechtschreibung, die Orthografie. Leider wird in der Sprachförderung das Augenmerk fast ausschließlich auf Grammatik und Wortschatz gelegt. Dabei gibt es viele gute Methoden, die spielerisch sogar Spaß machen, mit denen man Kinder unterstützen könnte.

 

Auch in der Erstsprache oder Familiensprache können Kinder bisweilen einen Akzent aufweisen. Manchmal sind Kinder, die eine Erstsprache ausschließlich in der Diaspora erwerben, aufgrund des Einflusses der anderen Gebiets- beziehungsweise Mehrheitssprache nicht in der Lage, bestimmte Lautkombinationen wie ein Muttersprachler auszusprechen.

 

Vom Wert des Akzentes

Aber nicht jeder Akzent wird als Mangel angesehen. Was ich aus meinen Beobachtungen als Philologin sagen kann: Spricht zum Beispiel jemand Deutsch mit englischem Akzent, wirkt dieser sogar oft attraktiv. Man denke nur einmal an all die Werbespots und Radioeinschaltungen, die mit genau diesem Akzent arbeiten, um Aufmerksamkeit und positive Assoziationen zu erzielen. Auch Ikea setzt in der Werbung auf eine Stimme mit schwedischem Akzent. Die Werbebranche geht meiner Meinung nach davon aus, dass die Hörer den Akzent positiv aufnehmen und daraus ein ideeller Mehrwert für das beworbene Produkt entsteht. In Filmen und Serien werden bestimmte Akzente bewusst negativ eingesetzt. Der Bösewicht beispielsweise hat hierzulande häufig einen slawischen Akzent.

 

Die unterschiedliche Wertschätzung von Sprachen zeigt sich natürlich auch bei den Akzenten. Während es durchaus charmant ist, beim Deutschsprechen einen französischen oder italienischen Akzent zu haben, kommt ein serbischer, türkischer oder bulgarischer Akzent weniger gut an. Natürlich spielen die Konnotationen, die man mit der Sprechergruppe verbindet, eine große Rolle. Mit Italienisch und Französisch assoziiert man Tourismus und Urlaub, also positive, mit Serbisch, Türkisch, Bulgarisch Arbeitsmigration und weitere negative Inhalte. Leider funktionieren diese undifferenzierten und verkürzten Wahrnehmungen schonungslos. Nicht selten ist der Akzent Grund für Diskriminierung.

 

Brechen wir eine Lanze für den Akzent

Aber ist es denn so schlimm, einen Akzent zu haben? Ich finde, ganz und gar nicht. Während hierzulande jemand, der Deutsch mit Akzent spricht und behauptet, er sei Österreicher, als unglaubwürdig gilt, ist akzentfreies Sprechen in Gesellschaften mit einer jahrhundertealten Migrationsgeschichte kein Maß für Zugehörigkeit. Dies gilt etwa für Süd- und Nordamerika und für England. In Österreich gilt die Sprachkenntnis in hohem Maße als Gradmesser für soziale Zugehörigkeit und Integriertheit, und ein ausländischer Akzent wird als Mangel angesehen. In kleineren Sprachgemeinschaften wird dieser oft vollkommen übersehen. In Bulgarien, dem Land, in dem ich geboren bin, freuen sich die Menschen, wenn jemand sich die Mühe gemacht hat, die Landessprache zu erlernen. Der Akzent wird gerne in Kauf genommen. Aber auch besonders große Sprachgemeinschaften nehmen es bisweilen locker. Die spanische Sprachgemeinschaft ist die viertgrößte der Welt. Es gibt in ihr sehr viele Varietäten und Akzente, was mitunter dazu führt, dass über phonetische Unebenheiten großzügig hinweggesehen wird.

 

Der Akzent lässt unsere weiteren Sprachkompetenzen durchschimmern, manchmal unsere Erstsprache, manchmal auch weitere Fremdsprachen, die wir gelernt haben. Er offenbart, dass sprachlich noch etwas da ist, er macht neugierig. "Der Akzent sorgt für die Schönheitsmale auf der Sprachhaut", schreibt der Autor Ilija Trojanow in seinem Buch "Nach der Flucht".

 

In diesem Sinne hoffe ich, dass es uns gelingt, in phonetischen Schwächen unseres Gegenübers auch die Schönheit und manche verborgene Stärke zu erkennen.

 

 

Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschafterin, Autorin und Expertin für Mehrsprachigkeit. In ihrem Beratungszentrum Linguamulti bietet sie Beratung und Workshops für mehrsprachige Erziehung an. Sie ist Gründerin der LIMU-Academy, in der Deutschkurse für Kinder von zwei bis sechs Jahren stattfinden. Ortega ist mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen verfasst sie auch ihre literarischen Texte. 2012 erschien der Gedichtband "Aз und tú" (Edition Yara). Sie lehrt an der Universität Wien und leitet Fortbildungen unter anderem an der Pädagogischen Hochschule Wien, am Landesinstitut für Schule in Bremen und für das Bildungsministerium in Mecklenburg-Vorpommern.

Kontakt

Mag. Zwetelina Ortega

z.ortega[at]linguamulti.at

+43 6769669775

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