Sie wollen sich vorab über mehrsprachige Erziehung informieren?
In Der Standard erscheinen regelmäßig unsere Blogbeiträge zum Thema gelebte Mehrsprachigkeit.
Sie finden auch Portraits von Menschen, die Mehrsprachigkeit besonders fördern!
In den Workshops und der Einzelberatung gehen wir auf häufig gestellte Fragen von Eltern und Pädagog*innen ein und bieten hilfreiche Antworten und Erklärungen.
Dies ist der aktuellste Blogbeitrag:
Wie gezielte sprachliche Bildungsarbeit im Kindergarten Kinder stärkt, Teams professionalisiert und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht
Mag.a Zwetelina Ortega
14. April 2026
Seit mehr als zehn Jahren haben sich die Wiener Kinderfreunde im Rahmen diverser EU-geförderter Bildungsprojekte eine umfassende Expertise im Bereich der sprachlichen Bildung erarbeitet. Eines ihrer aktuellen Projekte "education for tomorrow SK-AT" beschäftigt sich mit dem Thema Sprache als Zukunftskompetenz.
Dabei werden fünf "Sprachenkindergärten" auf ihrem Weg in Richtung einer innovativen sprachlichen Bildungsarbeit wissenschaftlich fundiert und intensiv begleitet. Ich habe die Freude, diese Kindergärten und ihre Teams fachlich zu betreuen. Karin Steiner ist dabei die fachliche Leiterin der Projekte.
Sprache als zentrale Rolle
Für die Persönlichkeitsentwicklung von uns allen spielt Sprache die zentrale Rolle. Sie ist sozusagen die Kleidung unserer Gedanken, liefert uns das begriffliche Inventar, mit dem wir uns ein Bild von der Welt machen und ist das bestimmende Vehikel unserer sozialen Integration. Für Kinder ist daher eine gute Sprachbeherrschung nicht nur für den schulischen und beruflichen Erfolg entscheidend, sondern grundsätzliche Bedingung für ihre Teilhabe an der Gesellschaft und damit eine wichtige Zukunftskompetenz.

Gemeinsame Sprachförderung unterstützt Kinder auf ihrem Bildungsweg.
Meine persönliche Erfahrung als mehrsprachig aufgewachsene Expertin in Sprachfragen, mit Spanisch und Bulgarisch als Erstsprachen und Deutsch als Zweitsprache, hat meinen Zugang zur Sprachförderung und meine Sensibilität für deren Relevanz maßgeblich geprägt.
Neue Herausforderungen im Kindergartenalltag
Im Kindergartenalltag, insbesondere im urbanen Raum, müssen wir uns der Herausforderung stellen, dass mehr als die Hälfte der Kinder mehrsprachig aufwachsen. Viele von ihnen benötigen gezielte Unterstützung beim Erwerb der deutschen Sprache. Daher haben sich die Wiener Kinderfreunde zum Ziel gesetzt, ihre pädagogischen Fachkräfte mit dem neuesten Fachwissen auszustatten, um die Kinder bestmöglich zu fördern. Von besonderem Nutzen sind dabei mehrsprachigkeitsdidaktische Konzepte, die dazu anleiten, gezielt mit den Erstsprachen der Kinder zu arbeiten, sie in den pädagogischen Alltag einzubinden und gewinnbringend für den Erwerb des Deutschen zu nutzen, statt sie auszugrenzen oder gar explizit zu verbieten.
Mit über 12.000 Kindern und 2.500 Mitarbeiter:innen sind die Wiener Kinderfreunde einer der größten Kindergarten-Träger der Stadt. Der stete Transfer von neuesten sprachwissenschaftlichen und pädagogischen Erkenntnissen in die Praxis ist daher auch mit großem Aufwand und Ressourcen verbunden.
Eine intensive, kleinschrittige Standortbegleitung ist wissenschaftlich erwiesen und das effektivste. Daher wurden in dem aktuellen Projekt für das Modell der Standortbegleitung fünf Sprachenkindergärten ausgewählt. Seit 2024 schule, coache und begleite ich die gesamten Teams mit vielfältigen Weiterbildungsformaten bei der Entwicklung ihrer standortspezifischen Sprachbildungskonzepte. Ganz wichtig dabei ist, dass alle aus dem Team ins Boot geholt werden, denn nur so haben alle Teammitglieder den gleichen Wissensstand und können gemeinsam die sprachlichen Angebote planen und aufeinander abstimmen. Dieses integrierte Vorgehen ist maßgeblich für eine nachhaltige Verbesserung der sprachlichen Bildung.
Die Wiener Kinderfreunde machen mit diesem Projekt deutlich, wie wichtig kontinuierliche Weiterbildung des gesamten Teams, idealerweise vor Ort, und fachliches Know-how für eine erfolgreiche Sprachförderung im Kindergarten sind.
Sprachpädagogische Praxis im Wandel
Im Rahmen des Projekts konnte ich beobachten, wie sich durch die kontinuierliche Begleitung die sprachpädagogische Praxis der Teams veränderte. Die fachlichen Inputs erfolgen nicht einmalig, sondern werden über einen längeren Zeitraum gestaffelt und regelmäßig aufgefrischt vermittelt. So können sich die Pädagog:innen intensiv mit den vielfältigen Aspekten der Sprachbildung auseinandersetzen und diese nachvollziehen. Das Resultat kann sich sehen lassen:
Begegnung auf Augenhöhe
Im öffentlichen Diskurs wird sprachliche Bildung häufig einseitig und undifferenziert behandelt. Politik und Medien fokussieren vor allem auf mangelnde Deutschkenntnisse, während die Chancen, die Mehrsprachigkeit bietet, oft ausgeblendet werden. Der Blick auf Kinder und Familien mit anderssprachigem Hintergrund ist meist stigmatisierend, dabei zeigen zahlreiche Beispiele, wie junge Menschen aus diesem Umfeld erfolgreich Deutsch erwerben, unterstützt von engagierten Eltern, die ihre Kinder mit großem Einsatz begleiten. Es gilt, diese positiven Geschichten verstärkt sichtbar zu machen und den individuellen ebenso wie gesellschaftlichen Mehrwert von Mehrsprachigkeit hervorzuheben. Meine eigene Sprachbiografie ist eine solche Erfolgsgeschichte, denn auch ich war einst ein Kind, das ohne Deutschkenntnisse in Wien in die Schule gekommen ist.
Sprachförderung gelingt besonders gut, wenn Vielfalt wertgeschätzt wird. Entscheidend ist, dass Kinder, Pädagog:innen und Eltern nicht unter Druck stehen und sich auf Augenhöhe begegnen. Wo dies gegeben ist, kann sich die Sprachkompetenz der Kinder optimal entfalten.
Am Ende bleibt der Appell: Ein differenzierter und sachlicher Diskurs über Sprachbildung ist ebenso notwendig wie die politische Förderung und Unterstützung der Pädagog:innen. Nur so können innovative Fördermodelle greifen und nachhaltige Entwicklung in der sprachlichen Bildung gelingen, zum Wohl aller Kinder und der gesamten Gesellschaft.
Zwetelina Ortega ist Sprachwissenschafterin, Autorin, Expertin für Mehrsprachigkeit und Gründerin des Beratungszentrums Linguamulti. Dort bietet sie Beratung, Weiterbildungen und Projektkoordination für Mehrsprachigkeit und Sprachförderung an, in den Bereichen Bildung, Erziehung und Unternehmertum. Sie ist Gründerin der LIMU Academy, des Sprachinstituts zur Frühförderung der deutschen Sprache für Kinder zwischen zwei und zehn Jahren. Ortega ist dreisprachig mit Bulgarisch, Spanisch und Deutsch aufgewachsen. In diesen drei Sprachen verfasst sie auch ihre literarischen Texte (2022 Kinderbuch "Die Umami Bande" (Amiguitos Verlag), 2012 Gedichtband "Aз und tú" (Edition Yara). Sie leitet Fortbildungen und lehrt unter anderem an diversen Pädagogischen Hochschulen in Österreich und Deutschland und lehrte an der Universität Wien. 2024 wurde sie mit dem Kulturpreis "Mini-Metron" ausgezeichnet.